top of page

Im Interview mit Gudrun Heyens

WhatsApp Bild 2025-06-22 um 09.42.55_5c0fe58a.jpg

1. Was reizt dich an der kurzen Form – an Erzählungen statt Romanen?

An der Kurzform der Erzählung reizt mich das auf ein Thema Komprimierte, die    reduzierte Anzahl an Personal, das Kammerspielhafte

 

2. Viele deiner Figuren wirken wie „Menschen im Spiegel“. Was entdeckt man beim Schreiben über sich selbst?

Beim intuitiven Schreiben, also der rohen Erstfassung, begegne ich sprachlich zunächst immer wieder nur mir. Abhängig von der Thematik und dem Charakter der Protagonisten befinden sich mehr oder weniger Charaktereigenschaften,Verhaltensweisen und Marotten von mir in meinen Protagonisten wieder.

 

3. Wie sehr darf Ironie in der Literatur sein – und wann wird sie zur scharfen Waffe?

Ich liebe Ironie in der Literatur, in der Kombination mit Humor hat sie immer etwas Versöhnliches, beides zeugt von Intelligenz. Aber sie darf auch zur scharfen Waffe werden, darf Decouvrieren, Schwächen aufdecken, anklagen. Der Protagonist darfjemandem den Tod wünschen dürfen (was ich nie täte), Literatur darf das, muss das dürfen. Die Gedanken sind frei!

 

4. Gab es eine Figur, bei der du dachtest: Uff, die ist näher an mir dran, als mir lieb ist?

Ja. Die Konstanze Blanck in „Die Kollegin“. Hier habe ich schreibend etwas über mich selbst erfahren.

 

5. Du kommst aus der Musik – wie „hörst“ du deine Texte beim Schreiben?

Interessanterweise „höre“ ich meine Texte nicht, sondern „sehe“ sie. Im Grunde genommen beschreibe ich die (lebendigen) Bilder, die ich vor meinem inneren Auge sehe.

 

6.Welche Geschichte in deinem Buch liegt dir persönlich am meisten am Herzen – und warum?

„Das Gastgeschenk“. Warum sage ich nicht.

 

7. Gab es ein Buch, das dich wirklich verändert hat – im Denken, Fühlen oder Schreiben?

Ich müsste viele Bücher nennen, die ich wichtig fand und die mir sehr verhaftet geblieben sind.

 

8. Woraus schöpfst du deine Inspiration – aus Menschen, Alltag, Erinnerung? Oder kommt sie manchmal einfach so um die Ecke?

Inspiriert bin ich häufig durch eine Alltagssituation, etwas, dass ich im Vorübergehen aus dem Augenwinkel bemerke, eine Geste, Sprachfetzen, Mimik, ein Dialog. Aber ich ergreife auch die Chance, etwas, das unsagbar ist, einem anderen in den Mund legen zu können. Oder eine lange beobachtete, störende Eigenschaft an einem Nächsten endlich einmal kritisieren zu können. Themen für einen Roman suche ich gezielt nach einem Mehrgewinn für mich selbst aus, d.h. am liebsten arbeite ich an einem Text, für den ich Neues, Unbekanntes recherchieren muss.

 

9. Gab es mal eine Szene, die du geschrieben hast – und dann selbst lachen oder weinen musstest?

Ja, Lachen. Weinen nicht, leider. Das spräche für eine Tiefe, die ich erst noch erreichen möchte.

 

10. Wie fühlt sich für dich ein gelungener Satz an? Bemerkt man das sofort – oder erst beim Wiederlesen?

Gelungene Sätze gibt es selten beim allerersten Schreiben, wenn aber doch, dann merkt man es sofort. Ein Glücksfall.

 

11. Was langweilt dich in der heutigen Literaturlandschaft – und was begeistert dich?

In der heutigen Literaturlandschaft langweilt mich die täglich steigende Flut mit sogenannten „queeren“ Themen. Schwule und lesbische Paare dürfen in keinem Buch mehr fehlen. Für mich, die mit homosexuellen Onkeln und ebensolchen Mitmusikerinnen großgeworden, bzw. jahrzehntelang engsten Kontakt hatte, ist das unbegreiflich langweilig und fantasielos.

 

12. Was ist für dich der Unterschied zwischen echter Lebensklugheit und gut gemeinten Phrasen?

Phrasen sind m.E. oft wiederholte, stereotype Binsenweisheiten. Echte Lebensklugheit ist geprägt durch individuelle Erfahrungen und der Fähigkeit weitsichtig und unter Einbeziehung und Berücksichtigung verschiedenster Aspekte und konträrer Standpunkte gewinnbringend für den Menschen zu sein. Während Lebensklugheit sich durch viele komplexe Eigenschaften zusammensetzt, sind Phrasen, auch wenn sie gut gemeint sind, immer oberflächlich, nachgeplappert.

 

13. Deine Geschichten balancieren oft auf dem Grat zwischen Lachen und Weinen – ist das für dich Lebenshaltung?

Schwierig zu beantworten. Was ich über mich sicher sagen kann, ist, dass mein erster Blick auf den Menschen ein kritischer ist. Der Schriftstellerin Gabriele Wohmann hat man den „bösen Blick“ nachgesagt, das Aufdecken menschlicher Schwächen. Das finde auch ich interessant. Kein Drama ohne die Tragödie. Komödien sind auf die Dauer langweilig. Nicht die Tragikomödie. Vielleicht neige ich dieser eher zu.

 

14. Was würdest du gern noch erleben – als Autorin oder ganz privat?

Als Autorin wünsche ich mir einen bestimmten Grad literarischer Qualität zu erlangen, etwa wie Katherine Mansfield oder Joyce Carol Oates in ihren Erzählungen. Privat: meinen hundertsten Geburtstag mit Mann, Kindern und Enkelkindern.

 

15. Hast du einen Lieblingssatz aus deinem Buch „Im Spiegel“?

(Aus zwei Sätzen durch Semikolon einen gemacht ;))

Die Hand, die aus dem Dunkel auftauchte und sich auf ihre legte, war so groß, dass ihre kleine, breite kurzfingrige ganz unter ihr verschwand – und sie war formvollendet; keine Spuren von kasparhauserischer Verwahrlosung, wie etwa Waldbodenreste unter krallenartigen Fingernägeln, einfach eine formvollendete Hand, die da ruhig und ein wenig gebräunt, fast unbehaart und wie von Michelangelo aus edlem Stein gehauen, auf ihrer kleinen, vernachlässigt aussehenden Salatwaschhand ruhte.

  • Instagram

Verlag Stelling
unabhängiger Literaturverlag
Schloßweg 5
17166 Dalkendorf

Tel: 039978/569848

redaktion@verlag-stelling.info

 

- Versand innerhalb Deutschlands versandkostenfrei

- schnelle Lieferung

- Keine Registrierung erforderlich

Logo Verlag
Bezahlmöglichkeiten icons

oder per Vorkasse 

Copyright © 2025 | Verlag Stelling, Dalkendorf

bottom of page